Hochwasseralarm in Neumarkt

20200830eAm 27. August 2020 hat das Amt Landeswarnzentrum (LWZ) der Agentur für Bevölkerungsschutz die Aufmerksamkeitsstufe "Alfa" für den Zeitraum vom Freitag 28. August bis Montag 31. August 2020 ausgerufen. Laut Vorhersagen waren ausgiebige Niederschläge und auch Starkwind zu erwarten. Die besonders betroffen Gebieten sollten vor allem das Ultental, das Passeiertal, das Burggrafenamt und das Wipptal sein. Aufgrund der Niederschläge der vorhergehenden Tage und Wochen waren die Böden zum Teil bereits vorbefeuchtet, sodass sich der zusätzliche Regen auf die Stabilität der Hänge negativ auswirken sollte. Somit war dies aus Sicht des Zivilschutzes ein relevantes Ereignis, welches eine eingehende Beobachtung erforderlich machte.
Bereits in der Nacht von Freitag auf Samstag wurde die Feuerwehr Neumarkt zu den ersten Unwettereinsätzen gerufen. In dieser Nacht stand beispielsweise die Brennerstaatsstraße SS12 bei der Unterführung Castelfeder kniehoch unter Wasser. Am darauffolgenden Tag meldete uns die Landesnotrufzentrale (LNZ) einen drohenden Bachüberlauf in der Zone "Lochmühle" in Neumarkt. Mittels Sandsäcken wurde hier ein künstlicher Damm errichtet, um das nebenstehende Wohnhaus vor den Wassermaßen zu schützen.
Am Samstagabend wurde zusammen mit den Bezirksfunktionären der Pegelverlauf der Etsch unter Beobachtung gestellt und bei den Hydrologen des Landes Informationen über die berechneten Wassermengen, welche von der Etsch geführten werden sollten, eingeholt.
20200830dSonntagfrüh überstieg schließlich die Etsch an der Hauptpegelmeßstelle in Branzoll die Vorwarnstufe. Somit wurde der Alarm- und Einsatzplan für Hochwasser entlang der Etsch aktiviert und die Bezirkseinsatzzentrale Unterland "Florian 9" (BEZ9) besetzt. Wie vom Einsatzplan vorgesehen, übernimmt die Bezirkseinsatzzentrale ab nun die Koordination aller vom Hochwasser betroffenen Aktivitäten. So wurden auch von hier aus die Feuerwehren von Branzoll, Neumarkt und Salurn zur Besetzung der Flussbeobachtungsstellen (FBS) alarmiert. Diese Wehren standen bereits im Einsatz, somit konnten die Beobachtungsstellen innerhalb weniger Minuten ihre Arbeit aufnahmen.
Da der Pegel weiterhin stieg und gegen 10 Uhr in Neumarkt die Warnstufe erreichte, wurden laut Einsatzplan weitere Feuerwehren aus dem Bezirk zur Durchführung der Deichwachen alarmiert. In der Zwischenzeit wurde im Gerätehaus der Feuerwehr Neumarkt die Gemeindeleistelle für den Zivilschutz (GLS) einberufen.Die Pegel an den Haupt- und Nebengewässern im Lande stieg weiterhin an. Auch die Modellberechnungen des Amtes für Hydrologie und Stauanlagen prognostizierten nicht Gutes. Die gab den Anlass, die von einer eventuellen Evakuierung betroffene Bevölkerung von Neumarkt schon vorab zu informieren. Wie sich mittlerweile auch bewährt hat, wurde hierfür der Bergrettungsdienst des CNSAS der Sektion Unterland zur Unterstützung herangezogen. Mit mehreren Mannschaften bestehend aus Bergrettern und Florianijüngern schritt man von Tür zu Tür und informierte die Bewohner über die Situation. 
20200830bZusammen mit dem Bürgermeister Dr. Horst Pichler wurde gleichzeitig ein Lokalaugenschein an der Etschbrücke in der Bahnhofstraße durchgeführt, wo sich zurzeit auch die Baustelle zum Bau der neuen Brücke befindet. Zur gleichen Zeit wurde im Schotterwerk St. Florian bereits die Sandsackfüllmaschine in Position gebracht.
Bei der Sitzung der Gemeindeleitstelle um 15:20 Uhr wurde entschieden, die von einem eventuellen Dammbruch überschwemmten Zonen präventiv zu evakuieren. Über das Bevölkerungsinformationssystem (BIS) wurde in Neumarkt mittels einminütigem auf- und abschwellenden Heulton der Zivilschutzalarm ausgerufen. Gleichzeitig wurde die Bevölkerung über die von der Rundfunkanstalt RAS ausgestrahlten Radio- und Fernsehsender sowie das Südtiroler Bürgernetz über die Lage informiert.Aufgrund der Hochwassergefahr wurden die Bewohner der Bahnhofstraße, des St.-Rochusweg, der Neugasse, der Unteren und Oberen Insel-Straße, der Josef-Maria-Pernter-Straße, der Handwerkerzone Süd und Nord evakuiert. Die Evakuierung erfolgte wiederum durch Mannschaften der Bergrettung und Feuerwehr. Diesmal unterstützt auch durch mehreren Ambulanzen des Weißen Kreuzes, welche sich um die Verlegung von bettlägerigen und kranken Menschen kümmerten. Die Organisation lag hierbei beim Organisatorischen Leiter des Rettungsdienstes.Die Bewohner wurden bereits vorab ersucht, bei Verwandten oder Bekannten unterkommen zu können. Nichtsdestotrotz wurde die Turnhalle der deutschsprachigen Mittelschule in der Boznerstraße als Notunterkunft zur Verfügung gestellt. Diese wurde vom Betreuungszug der Sektion Zivilschutz im Weißen Kreuz professionell geführt. In Absprache mit der Gemeinde wurde schlussendlich entschieden, die hier eingetroffenen Personen für diese Nacht in Gastbetrieben in Neumarkt und Auer unterzubringen.
Während am Radweg bei Castelfeder und in der Unterführung in der Bahnhofstraße die Hochwassersperren geschlossen wurden, wurde mit Techniker des Stromnetzbetreibers Edyna und des nationalen Gasnetzbetreiber SNAM eine eventuelle Bypass-Schaltung für diese Zone geprüft.
In der evakuierten Zone verläuft auch die Brennerautobahn A22. Nach Rücksprache mit der technischen Leitung der A22, beschloss diese die Autobahn im Abschnitt zwischen Bozen Süd und San Michele/Mezzocorona beidspurig zu schließen.
20200830fAn der Etschbrücke in Neumarkt wurde mit Betonwürfeln und Sandsäcken der Damm erhöht, um ein überschwappen der Wellen zu verhindern.Am Ende blieb nur mehr das Abwarten übrig. Am Sonntag gegen 20 Uhr erreichte der Etschpegel bei Neumarkt schließlich die Rekordmarke von 7,16 m und einem Wasserdurchfluss von 1.392 Kubikmetern pro Sekunde, sprich 1,4 Millionen Litern pro Sekunde. Der Freibord zur Unterkante der Brücke betrug nur mehr einige mickrige Zentimeter. Mittels Radbagger wurde ständig versucht, dass vom Wasser mitgeführte Holz von den Brückenpfeilern zu entfernen, um ein Aufstauen zu verhindern.Über das Landeslagezentrum (LGZ) in Bozen und die Landeseinsatzzentrale (LEZ) der Freiwilligen Feuerwehren in Vilpian wurde zusätzliches Beleuchtungsmaterial angefordert. In kürzester Zeit traf jeweils ein Transportfahrzeug der Berufsfeuerwehr Bozen und der Feuerwehren aus Kaltern in Neumarkt ein und stellten verschiedenste Beleuchtungsmaterial zur Verfügung.
20200830cDie Deichwachen kontrollierten die ganze Nacht über beiden Dämme der Etsch und holten sich über die Bezirkseinsatzzentrale jeweils einen Techniker der Ämter für Wildbachverbauung vor Ort, um bei schmutzigen Wasseraustritten am Dammfuss, an Quelltrichtern oder im Hinterland richtig reagieren zu können. Im Schotterwerk von St. Florian wurden mit drei Sandsackfüllmaschinen tausende von Sandsäcken abgefüllt und an die verschiedenen Schadensstellen entlang der Etsch gebracht. Unterstützung gab es hierbei durch LKWs der Berufsfeuerwehr, der Wildbachverbauung, von privaten Transportfirmen und von Bauern.Erst nach Mitternacht begann der Etschpegel wieder langsam zu sinken. Durch die komplett durchnässten Dämme war die Gefahr jedoch noch nicht gebahnt.
20200830aErst am Montag gegen 06:45 Uhr früh konnte mittels BIS-Meldung Entwarnung gegeben werden und die Bewohner in ihre Häuser zurückkehren. Gegen 10 Uhr konnte schließlich der Hochwasserdienst an der Etsch beendet werden.
Anschließend begannen die Arbeiten zur Wiederherstellung des Normalzustandes. Bis 21 Uhr dauerten dann noch die Aufräum- und Reinigungsarbeiten sowie die Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft an.
Laut ersten Hochrechnungen handelte es sich hierbei um ein dreißigjähriges Hochwasser.
 
Die Freiwillige Feuerwehr Neumarkt bedankt sich bei allen Organisationen für die sehr gute Zusammenarbeit, ohne welche ein solches Szenario nicht zu bewältigen gewesen wäre.
 
Beteiligte Organisationen (nicht vollständige Liste):
Alle Freiwilligen Feuerwehren der Bezirks Unterland
Bezirksfeuerwehrverband Unterland
Bergrettungsdienst CNSAS Neumarkt
Rettungsdienst Weißes Kreuz Neumarkt
Rettungsdienst Weißes Kreuz Bozen
Zivilschutzzug des Weißen Kreuzes
Notfallseelsorge des Weißen Kreuzes
Gemeindeleistelle Neumarkt
Gemeindebauhof Neumarkt
Gemeindepolizei Neumarkt
Carabinieri Neumarkt
Landesfeuerwehrverband Südtirol
Berufsfeuerwehr Bozen
Ämter für Wildbach- und Lawinenverbauung
Brennerautobahn AG
Edyna GmbH
SNAM rete gas spa
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